Ferien auf dem Pferderücken

Erstmals ruft der Reiterhof Ganisiushöhe zu einem 4 semestrigen
Freizeitangebot mit eigenem Pflegepferd. Das bedeutet 3x täglich
Reiten, qualifizierten Unterricht, Trekkingtouren und Lehrgänge in
familiärer Atmosphere. Angemeldet haben sich neben einer Vielzahl
von anderen Reitfreunden auch Rebecca, Leander und Melli, die alle
über eine solide Reiterfahrung verfügen. Die 13jährige Rebecca gilt
als Segen für jede Reitschule und sitzt fest im Sattel. Sie
beherrscht schon von klein auf das Reiten von Oldenburgern, eine
Kreuzung aus Vollblütern, Hannoveranern und Trakehnern. Der 37
jährige Leander hingegen hat bisher nur Erfahrung mit Shetlandponys
mit dem idealen Stockmaß von unter einem Meter. Shettys gelten im
Allgemeinen als eigenwillig, stur und nur schwer zu etwas zu
überreden. Leander tut sich im Umgang mit großen Pferden noch schwer,
wohingegen Melli(16), die bisher nur das Reiten auf ZiegenböKen
gewohnt war, der neuen Herausforderung bereits gespannt entgegen-
fiebert. Sie kommt aus eher ärmlichen Verhältnissen und ist ein
körperbetontes Reiten gewohnt. Sie freut sich bereits wahnsinnig
darauf, endlich nicht mehr die Schuhe kaputt zu schleifen. Durch die
unterschiedlichen Lebenserfahrungen der Dreien, ist auf Dauer ein
Konflikt unvermeidlich. Hinzu kommt, dass in der Anzeige genügend
Pferde für alle Teilnehmer versprochen wurden, diese nun aber doch
unter den Pferdefreunden geteilt werden müssen. Melli und Rebecca
finden Leander auf Anhieb doof und außerdem viel zu alt für Ponys.
Am zweiten Morgen bereits streiten sich Melli und Rebecca darum, wer
das Zaumzeug von dem temperamentvollen Hafflinger "Sternenstaub"
anlegen darf. Leander geht diesem Konflikt aus dem Weg, indem er
Pferdeäpfel sammelt. Dieses unschöne Schauspiel wiederholt sich in
den folgenden Tagen häufig. Das schwierige Verhältnis spitzt sich
im Laufe der Zeit zu, was durchaus auf den enormen Altersunterschied
zurück zu führen sein könnte. Leander liebäugelt zunehmend mit dem
reinrassigen und feurigen Rappen "Himmelwärts", der als sehr schwer
zu reiten gilt. Dennoch findet er eine hohe Faszination an dem an-
mutigen Tier. Fast wie bei einer Giraffe.

Eines nachts...
Leander hat sich während der Zeit angewöhnt zwischen den Schafen
zu nächtigen. Dort erwacht er mitten in der Nacht durch ein selt-
sames und unbekanntes Geräusch. Er schleicht sich zum Hof hinaus.
Auch die beiden Mädels werden auf das Geräusch aufmerksam und
schlüpfen in die Reitstiefel, um nicht mit ihren Strümpfen in den
Matsch zu laufen. Alle drei steuern geradewegs auf die Scheune zu,
aus der das Geräusch kommt. Melli sagt: "Das kenn ich, das klingt
wie bei den Ziegen..." Rebecca reagiert ängstlich. Im Rückwärts-
gehen stößt sie gegen etwas und fährt erschrocken auf. Sie wird
an der Schulter gepackt und festgehalten. Eine vertraute Stimme
flüstert ihr zu: "Ich bin es, Leander." -"Wurdet ihr auch durch
dieses seltsame Geräusch geweckt?" Die beiden nicken zustimmend.
Zu dritt stehen sie vor dem dunklen Scheuneneingang, aus dem diese
klagenden Laute hervorkommen. Sie haben keine Ahnung, was sie er-
wartet. Dennoch fassen sie sich gemeinsam ein Herz und betreten
die Scheune. Es riecht nach einer Mischung aus nasser Pappe,
Erbrochenem und Ziegenkäse. Nach einer kurzen Zeit gewöhnen sich
ihre Augen an die Dunkelheit und das was sie erblicken übersteigt
ihre Vorstellungskraft. "Sternenstaub" liegt seitlich, breit-
beinig, zuckend, den sonst so stolzen Kopf schmerzverzerrt nach
hinten geworfen im schönen Heu, welches Leander des Abends noch
frisch zubereitet hat. Leander sagt: "Das Tier hat Schmerzen!"
Rebecca antwortet: "Das seh ich doch selber, du Hornochse..." Melli
wirkt schlichtend ein: "Nein, das täuscht. Es trämt nur schlecht."
Plötzlich ist ein plitschendes Geräusch zu hören, als ob eine
pralle Wasserbombe aus einer Höhe von ca. 5 Metern auf dem Asphalt
zerschellt. Neben dem Pferd erkennen die Drei den Umriss eines
kleinen, nassen, schleimigen, verknäulten, in sich verschobenen,
pelzigen und erbärmlich faltigen Fohlens. Dieses kleine, nasse,
schleimige, verknäulte, in sich verschobene, pelzige und erbärmlich
faltige Fohlen versucht bereits aufzustehen. Melli sagt vor Erfurcht
an eine höhere Existenz ergriffen: "Das ist das Geheimnis des Lebens."
Rebecca fügt kompetent hinzu: "Es dauert knapp 4 Jahre bis dieses
Fohlen genauso groß ist, wie seine Mama." Alle bemerken, dass das
Fohlen nicht ganz bei Gesundheit zu sein scheint. Es spricht spa-
nisch.

Noch in der gleichen Nacht...
Leander, Melli und Rebecca haben aufgrund ihrer Besorgnis den Tier-
arzt alarmiert, da der Bauer noch nicht aus dem Wirtshaus zurück-
gekehrt ist. Der Tierarzt erklärt, dass das Handeln der drei
Nachteulen absolut richtig gewesen sei. Denn sie müssen wissen:
"Gleich nach der Geburt, schleckt die Stute ihr Fohlen am ganzen
Körper ab, dadurch bringt sie den Kreislauf und die Atmung des
Neugeborenen in Schwung. In diesem Fall war die Stute zu schwach
diesen biologisch essenziellen Ablauf von Reizketten zu vollziehen."
Das Fohlen wäre statistisch gesehen innerhalb der nächsten halben
Stunde verendet. Rebecca ergänzt: "Das Fohlen hat im Verhältnis zu
seinem Körper sehr lange Beine." Melli verschlägt es in der Gegen-
wart solcher Fachkompetenz regelrecht die Sprache. Der Arzt verdeut-
licht: "Es war durchaus richtig, dass ihr mich hinzu gezogen habt.
Ich muss dem Fohlen unverzüglich eine Spritze verabreichen, damit es
die Nacht übersteht. Es ist sehr unterernährt und hat das Gewicht
von einem Sack nasser Katzen." Der Tierarzt übernachtet an der Seite
des Fohlens im nach wie vor schšnen Heu, auf das Leander immer noch
stolz ist.

Am nächsten Morgen:
Die drei Abenteurer treffen sich beim Frühstück auf eine Runde Flakes
und Kaba in der anliegenden Blue-Bar. Durch das gemeinsam Erlebte ist
etwas Großes entstanden. Leider ist es bereits der Tag der Abreise.
Leander ist der erste, der von seinen Eltern abgeholt wird. Er wirkt
traurig und niedergeschlagen. Melli fragt Rebecca: "Was hat er wohl?"
Rebecca: "Ist doch klar. Er sehnt sich jetzt schon nach dem
Sattel."